Was "Naturkonservativ" bedeutet

Naturkonservativ ist ein von Herbert Gruhl (1921-1993) in den 1980er Jahren geprägter Begriff. Dieser sollte im Unterschied zu dem Begriff wertkonservativ von Erhard Eppler (1926-2019) den „Eigenwert der Natur“ betonen, also jenen Wert, der meist mit „Null angesetzt“ werde. Gruhl verwies dabei in einer Grundsatzrede auf Robert Spaemann (1927-2018), nach ihm sei die „schrankenlose Expansion menschlicher Wünsche ohne Rücksicht auf den Lebenszusammenhang, in den der Mensch unaufhebbar gehört,“ mitverantwortlich für die Zerstörung der Lebensgrundlagen. Ein anderer Vertreter der "Ritter-Schule", Hermann Lübbe (geb. 1926), sprach von der „naturkonservative[n] Zivilisation“. Dabei beinhaltet die "technisch-wissenschaftliche Zivilisation" Lübbe zufolge einerseits Macht über die Natur zu gewinnen, aber dialektisch gedacht auch eine Sensibilität ihr gegenüber, so wie sie im Auftrag der Bewahrung der Schöpfung zur Sprache gelangt und "von der Naturästhetik bis zu den Lebenserformbewegungen" Ausdruck findet.*
  • Naturkonservativ bedeutet eine Orientierung am Wert der Schonung der Natur vor ihrer Plünderung und Vernutzung; dazu gehört der Anspruch die Situation nüchtern zu analysieren und sich in ihr entsprechend dienstbar zu machen. Blinden Aktionismus schliesst das aus. Damit ist das Feld umrissen, das eine Schriftenreihe mit der Bezeichnung „Naturkonservativ“ bestellt.


Wir freuen uns auf den Dialog mit Ihnen und danken für Ihr Interesse!

Volker Kempf, Schriftleiter.


* Literatur:

Erhard Eppler. Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen. Stuttgart, 1975.

Herbert Gruhl – Unter den Karawanen der Blinden. Schlüsseltexte, Interviews und Reden. Mit einem einleitenden Essay von Prof. Franz Vonessen hg. von Volker Kempf. FfM, 2005, hier S. 193-198: „Rede auf dem Bundesparteitag der ÖDP in Hannover“ (1988).

Herbert Gruhl: Das irdische Gleichgewicht - Ökologie unseres Daseins. Düsseldorf, 1982.

Volker Kempf: Herbert Gruhl – Pionier der Umweltsoziologie. Im Spannungsfeld von wissenschaftlicher Erkenntnis und politischer Realität. Mit einem Nachwort von Dr. Ute Scheuch. Graz, 2008, hier S. 219-227: „Naturkonservatismus versus Wertkonservatismus“.

Hermann Lübbe: Religion nach der Aufklärung. Graz, 1986/2007, hier S. 294 f.

Robert Spaemann: Philosophische Essays. Erw. Ausg. Stuttgart, 2007.